Artikel in der SZ online und Printausgabe vom 2.Dezember 2016

Regeln sollten gemeinsam mit der Belegschaft entwickelt werden, findet Stiltrainerin Janine Katharina Pötsch.

Interview von Martin Scheele

Janine Katharina Pötsch arbeitet als Beraterin für Fragen von Etikette, Stil und Persönlichkeitsmarketing in München.

SZ: Mitarbeiter duzen ihren Chef und umgekehrt. Was halten Sie davon?

Janine Katharina Pötsch: Das Duzen bedarf klarer Absprachen. Denn es ist auch ein Vertrauensbeweis und ein Zeichen von Wertschätzung. Den Trend zum Duzen beobachte ich allerdings nicht überall. In eher formellen Branchen ist es seltener.

In immer weniger Firmen müssen Männer Krawatte und Frauen Kostüm tragen. Wie bewerten Sie die Entwicklung?

Ich begrüße das, denn Kleidung sollte immer zur Persönlichkeit passen und Individualität ausdrücken. Nicht jedem Mann steht eine Krawatte, nicht jeder Dame das klassische Kostüm. Dennoch muss die Kleidung auch zur Firma passen, Kompetenz und Wertigkeit ausdrücken und nicht allzu casual wirken, wenn der allgemeine Dresscode aufgelockert wurde.

Zu welchen Konflikten, etwa zwischen den Generationen, kann es kommen?

In den nächsten Jahren werden wir uns vermehrt mit dem Unterschied der Generationen befassen. Die ältere Generation legt großen Wert auf Ordnung, Klarheit und Respekt, die mittlere Generation eher auf Individualität. Und die Generationen Y und Z suchen wieder Halt. Durch die Digitalisierung kommen viele neue Einflüsse hinzu. Junge Menschen verstehen oft nicht, dass Trends in bestimmte Branchen nicht ganz so hineinpassen.

Wie können Unternehmen diesen Konflikten vorbeugen?

Durch Schulungen und die Entwicklung eines einheitlichen Leitfadens gemeinsam mit den Mitarbeitern. Er sollte die Fragen beantworten: Was zeichnet uns aus? Wie wollen wir wirken und wahrgenommen werden? Welche Regeln sollten innerhalb des Unternehmens gelten? Mitarbeiter möchten gerne mitwirken und nicht nur starre Vorschriften befolgen. Unternehmen sollten lernen, mehr auf die Themen Employer Branding und „Mitarbeiter als Markenbotschafter“ einzugehen.

Sollten Firmen diese Grundsätze schriftlich festlegen und kommunizieren?

Ja, aber gemeinsam mit den Mitarbeitern. Und dann das Thema alle zwei bis drei Jahre überprüfen und gemeinsam nach neuen Lösungen suchen. Durch die Lockerheit entstehen oft neue Schwierigkeiten, denn verbindliche Regeln sind einfacher für die gesamte Hierarchie.

Was beobachten Sie beim Benehmen?

Viele junge Menschen lernen die guten alten Tugenden, also das Abc des guten Benehmens, nicht mehr. Inzwischen gibt es jedoch wieder vermehrt ein Interesse an Knigge-Schulungen, egal ob für Azubis oder Nachwuchsführungskräfte, als auch für offene Seminare oder Einzel-Trainings. Ellbogenmentalität und purer Egoismus passen nicht zu unseren Werten.